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Autarkie
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Autarkie ist die wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit eines Privathaushalts, einer Region oder eines Staates durch die vollstĂ€ndige oder teilweise Selbstversorgung mit GĂŒtern und Dienstleistungen.

Contents

‱ Etymologie
‱ Messung
‱ Geschichte
‱ NS-Zeit
‱ DDR
‱ Sowjetunion
‱ Spanien
‱ Albanien
‱ SĂŒdafrika
‱ Nordkorea
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Etymologie

Der Begriff Autarkie leitet sich aus dem Altgriechischen ab. Er hat seine Wurzeln in den Worten autĂĄrkeia (Î±áœÏ„ÎŹÏÎșΔÎčα), in poetischer Form autarkĂ­a (αᜐταρÎșία), sowie autĂĄrkēs (Î±áœÏ„ÎŹÏÎșης), was „selbstgenĂŒgsam, ĂŒber ausreichende Mittel verfĂŒgend, unabhĂ€ngig“ bedeutet. Diese Begriffe wiederum sind zusammengesetzt aus autĂłs (αᜐτός), was „selbst, eigen“ bedeutet, und arkein (ጀρÎșÎ”áż–Îœ), was fĂŒr „abwehren, helfen, genĂŒgen, ausreichen“ steht.cite-ref-1[1]

Zum einen wird die Autarkie als jener Zustand bezeichnet, in dem der Mensch „sich selbst genĂŒgt“, also keines anderen Menschen bedarf und von allen Ă€ußeren GĂŒtern unabhĂ€ngig ist. Zum anderen – diese Verwendung wird Aristoteles zugeschrieben – bezeichnet die Autarkie schlicht ein „genĂŒgendes Auskommen“ des Menschen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff auch konnotativ mit „zufrieden“ oder „sicher“ gleichgesetzt.cite-ref-2[2]

Das Adjektiv autark bedeutet, „auf niemandes UnterstĂŒtzung oder Weisung angewiesen“ zu sein. Es kann unter anderem Personen, Organisationen oder Abteilungen in Unternehmen beschreiben, die eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln können. Es wird in der Biologie, der Informatik, der Ökologie, der Psychologie, dem Bauwesen und der Politik benutzt. Speziell bei Regionen und LĂ€ndern tritt der Aspekt wirtschaftlicher UnabhĂ€ngigkeit in den Vordergrund.cite-ref-3[3]

In der heutigen Sprachverwendung wird der Begriff der Autarkie primÀr im wirtschaftlichen Kontext gebraucht und bringt dabei zumeist die materielle und ökonomische UnabhÀngigkeit eines Einzelnen, einer Gruppe oder eines Staates zum Ausdruck. Wirtschaftlich vollstÀndig autark wÀre ein Land, das alles, was es benötigt, selbst besitzt oder erzeugt, oder das seinen Bedarf auf das beschrÀnkt, was es selbst erzeugen kann.cite-ref-4[4] Unter diesen Aspekten beschreibt Autarkie einen Zustand der Selbstversorgung, in dem ein Land nicht mehr auf die Einfuhr oder die Ausfuhr von Waren angewiesen ist sowie auf sÀmtliche auswÀrtige finanzielle Transaktionen verzichten kann und in diesem Sinne vollstÀndige wirtschaftliche SelbstÀndigkeit erlangt hat.cite-ref-5[5]

Synonyme fĂŒr autark sind: unabhĂ€ngig, souverĂ€n, eigenstĂ€ndig, frei, selbstĂ€ndig, autonom, ungebunden.cite-ref-6[6]

Messung

Die Selbstversorgung mit bestimmten Produkten kann durch den Selbstversorgungsgrad gemessen werden. Diese volkswirtschaftliche Kennzahl stellt in einem Staat die Bruttoeigenerzeugung dem Verbrauch gegenĂŒber. Bei Agrarprodukten spielt der Selbstversorgungsgrad eine große Rolle, weil diese das GrundbedĂŒrfnis auf Nahrung befriedigen, das nach Möglichkeit nicht durch Importe gedeckt werden soll. Der Selbstversorgungsgrad zeigt an, inwieweit das Ziel der Versorgungssicherheit erreicht ist. Einige Agrarprodukte weisen in vielen Industriestaaten einen Selbstversorgungsgrad von 100 % oder mehr auf. Hier besteht partielle Autarkie durch Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft). Mit dem Selbstversorgungsgrad ist der Agrarprotektionismus eng verbunden; dieser hat auch zum Ziel, die Autarkie zu stĂ€rken.

Geschichte

Im antiken Griechenland war die Autarkie ein zentraler Aspekt des politischen Denkens und nahe an den Bereichen der Politik und der Ökonomie angesiedelt. Herodot beschrieb das Wesen der Autarkie als ein „politisches Ideal“. Nach ihm solle das Territorium einer Polis, vor allem im landwirtschaftlichen Bezug, so ertragreich sein, dass alle Bewohner eines Landes mit ausreichenden GĂŒtern unabhĂ€ngig versorgt und damit ernĂ€hrt werden können. FĂŒr Aristoteles beruhte das gesamte politische System der Polis auf der Aufrechterhaltung der Autarkie, durch die ein Gemeinwesen erst möglich sein könne. Allerdings waren sich Herodot und Aristoteles darĂŒber bewusst, dass vollstĂ€ndige Autarkie praktisch kaum zu realisieren ist und oft mit verschiedenen EinschrĂ€nkungen einhergeht. Deshalb betonten beide Philosophen, dass sich Menschen mit dem zufriedengeben sollten, was sie erreichen können. Ziel mĂŒsse es stets sein, eine höchstmögliche wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit anzustreben. Gelinge das nicht, so fĂŒhre dies zum Verlust der lokalen Selbstverwaltung und somit unweigerlich in eine Fremdherrschaft. Bei Platon ist die Autarkie ein Kennzeichnen des höchsten Wertes und das Hauptziel des idealen Staates. Der Mensch ist nach platonischer Ansicht nicht autark, kann aber indirekt zu einer gewissen Autarkie gelangen. Der eine Weg besteht darin, dass sich die einzelnen Menschen zur politischen Gemeinschaft zusammenschließen. Ein anderer Weg verlangt, dass der Mensch innerlich unabhĂ€ngig wird von Ă€ußeren LebensumstĂ€nden, was nahezu unmöglich ist.cite-ref-7[7]cite-ref-8[8]cite-ref-9[9]

Im Gegensatz zur dominierenden Selbstversorgung im antiken Griechenland wurde die florierende Wirtschaft im Römischen Reich durch einen gut vernetzten Land- und Seehandel und den damit verbundenen Wohlstand geprĂ€gt. Max Weber wie auch Hans DelbrĂŒck fĂŒhrten den Untergang Roms maßgeblich auf einen RĂŒckfall in die autarke Naturalwirtschaft zurĂŒck. Ausgelöst durch die Bildung römisch-katholischer Gemeinden, entstanden GĂŒter, Sprengel, spĂ€ter ganze Kirchenprovinzen, die zunehmend den Charakter eines autarken Herrschaftsgebildes annahmen. So war die monastische Autarkie, unter anderem in Form eines Klostergartens, bereits im 6. Jahrhundert in den Regula Benedicti fest vorgegeben. Letztlich fĂŒhrte die gezielt herbeigefĂŒhrte Herauslösung aus der stĂ€dtischen Wirtschaft und die Entkopplung vom transnationalen Handel Schritt fĂŒr Schritt in eine Autarkie, die zur Grundlage des mittelalterlichen Feudalsystems wurde. Armut, Bescheidenheit, Buße und Predigt waren die wesentlichen Elemente dieser Zeit. Das von der Kirche propagierte Armutsideal verbot fremde EinkĂŒnfte, sodass die Bevölkerung auf möglichst autarke eigene Höfe angewiesen war. Ab dem 13. Jahrhundert verloren die weitgehend autarken Grundherrschaften ihre vorherrschende Stellung. Der stĂ€dtische Markt und der lĂ€nderĂŒbergreifende Handel mit seiner Geldwirtschaft begannen in Europa das ökonomische Leben zu dominieren.cite-ref-10[10]cite-ref-11[11]

Eine nahezu vollstĂ€ndige Autarkie, verbunden mit gezieltem Isolationismus, starker ProsperitĂ€t sowie hohem Lebensstandard und Bevölkerungswachstum, zeigt die Wirtschaftsgeschichte der Qing-Dynastie in China von etwa 1644 bis 1839 auf. Adam Smith bezeichnete 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen China als eines der „reichsten, fruchtbarsten, gewerblich fleißigsten, kultiviertesten und wohlhabendsten LĂ€nder“ der Erde. Als Vorteil nannte er die GrĂ¶ĂŸe des Landes, seine BodenschĂ€tze, vor allem aber den erfolgreich praktizierten chinesischen Binnenhandel. Dieser bewahre Menschen vor Hungersnöten und sei „das beste Mittel zur Milderung einer Verknappung und Teuerung unter den verschiedenen Provinzen eines Landes“. Da aber nicht jeder Staat ĂŒber Ă€hnliche Voraussetzungen verfĂŒgt, kam Smith zu dem Ergebnis, dass mittels Freihandel der „Mangel in dem einen Land durch den Überfluss in dem anderen“ leicht ausgeglichen werden könne. Dabei solle der betroffene Wirtschaftsraum seine Einfuhren auf Waren beschrĂ€nken, die er selbst nicht herstellen oder produzieren kann. Adam Smith zeigte sich davon ĂŒberzeugt, dass Freihandel nicht nur zu grĂ¶ĂŸerem Wohlstand fĂŒhrt, sondern auch das „Band der Freundschaft“ zwischen den Staaten herstellt.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13]cite-ref-14[14]

Die Autarkie bezeichnete Adam Smith als eine Art von „Schutz gegenĂŒber dem internationalen Handel“. In Verbindung mit dieser Aussage definierten britische Nationalökonomen spĂ€ter, dass „eine Wirtschaftspolitik der Autarkie darauf abziele, ein Land daran zu hindern, internationalen Handel zu betreiben“.cite-ref-15[15] Diese Definition ist umstritten, da insbesondere die britische Wirtschaftsgeschichte nicht selten einen „einseitigen Freihandel“ aufweist. So versuchte das Vereinigte Königreich wiederholt, das Britische Weltreich gegenĂŒber dem Rest der Welt durch Schutzzölle oder geschlossene „Freihandelszonen“ abzuschirmen.cite-ref-16[16] Desgleichen bezeichnete Mahatma Gandhi den britischen Freihandel als einseitig, da er andere LĂ€nder in die AbhĂ€ngigkeit britischer Exporte zwinge.cite-ref-17[17] TatsĂ€chlich blieben einige Ex-Kolonien des Folgekonstrukts Commonwealth of Nations bis weit in die 1970er Jahre hinein in erster Linie von Großbritannien abhĂ€ngig.cite-ref-18[18] Und auch zuletzt verfolgten offizielle britische Regierungsvertreter im Zusammenhang mit dem Brexit die Vision eines „globalen Großbritanniens“ nebst geschlossenen Freihandelszonen.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]

Ebenso beteiligten sich die Vereinigten Staaten wĂ€hrend der PrĂ€sidentschaft von Donald Trump nicht an der Fortentwicklung des Freihandelssystems, sie schlossen keine Freihandelsabkommen und bemĂŒhten sich zudem um die Beendigung beziehungsweise RĂŒckabwicklung getroffener multilateraler Vereinbarungen. Damit verfolgten die Vereinigten Staaten, nach Ansicht verschiedener Wirtschaftsexperten, eine Abschottungspolitik, verbunden mit dem Streben nach grĂ¶ĂŸerer wirtschaftlicher Autarkie, bei der Importe durch Zölle erschwert, jedoch Exporte teilweise erzwungen wurden.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22] Dabei sind die Handelskonflikte der Vereinigten Staaten mit der Volksrepublik China und der EuropĂ€ischen Union von einer Lösung weit entfernt. Im US-Wahlkampf 2020 sprach sich auch der Trump-Herausforderer und derzeitige PrĂ€sident Joe Biden fĂŒr einen radikalen Protektionismus und fĂŒr eine noch stĂ€rkere Abschottung des US-Binnenmarkts aus.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24]cite-ref-25[25]

Deutschland

In Deutschland beschĂ€ftigten sich Ökonomen und Philosophen ebenfalls sehr frĂŒh mit der Autarkie-Theorie. Den Gedanken der wirtschaftlichen Selbstversorgung vertieften in umfangreichen Werken unter anderem List, MĂŒller, Kant, Fichte, Hegel, Feuerbach, Treitschke, Mommsen und Marx.cite-ref-26[26]

Beispielsweise erwartete sich Immanuel Kant – als Zeitgenosse von Adam Smith – vom Ausbau internationaler Handelsbeziehungen ebenfalls eine EindĂ€mmung des kriegerischen Konfliktverhaltens der Staaten: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der frĂŒher oder spĂ€ter sich jedes Volkes bemĂ€chtigt.“cite-ref-27[27] Allerdings war Kant kein AnhĂ€nger eines bedingungslosen Freihandels und betonte:

„Dem Staat muss das Recht der Verbote der Einfuhr zustehen, damit die Erwerbsmittel dem Untertanen zum Besten und nicht zum Vorteil der AuswĂ€rtigen und Aufmunterung des Fleißes anderer befördert werden, weil der Staat, ohne Wohlhabenheit des Volkes, nicht KrĂ€fte genug besitzt, auswĂ€rtigen Feinden zu widerstehen und sich selbst als gemeines Wesen so nicht erhalten kann.“cite-ref-unikasselk-hnemund2008-28-0[28]

SinngemĂ€ĂŸ fĂŒhrte er in seinen AusfĂŒhrungen Zum ewigen Frieden (1795) fort, dass der Staat zur Sicherung der Freiheit und SelbstĂ€ndigkeit seiner BĂŒrger gestaltend in die wirtschaftliche Entwicklung eingreifen mĂŒsse. Dazu gehören, laut Kant, Maßnahmen, die geeignet sind, die technologische, organisatorische und wissenschaftliche Kompetenz eines Landes zu heben. So könne bei einem Entwicklungsdefizit die temporĂ€re Abschottung des Binnenmarktes von Produkten aus dem Ausland zwingend erforderlich sein.cite-ref-unikasselk-hnemund2008-28-1[28]

In seiner im Jahr 1800 publizierten Schrift Der geschlossene Handelsstaat entwarf Johann Gottlieb Fichte die GrundzĂŒge eines autarken Nationalstaates. Grundlagen dieses Staates sind die Freiheit durch Vernunft sowie die wirtschaftliche und politische Autarkie. Den internationalen Handel beurteilte Fichte kritisch, da die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen der verschiedenen Nationen zu einem „allgemeinen geheimen Handelskrieg“ fĂŒhren. Dazu hielt er fest:

„Die wahre Ursache von Kriegen liegt im streitenden Handelsinteresse der Nationen. Es entsteht ein endloser Krieg aller im handelnden Publikum gegen alle, als Krieg zwischen KĂ€ufern und VerkĂ€ufern. Und dieser Krieg wird heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefĂ€hrlicher, je mehr die Welt sich bevölkert. Die Produktion und die KĂŒnste [gemeint ist damit der technische Fortschritt] steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge und mit ihr das BedĂŒrfnis aller sich vermehrt und vervielfĂ€ltigt.“cite-ref-29[29]

Als Gegenmittel empfahl Fichte den geschlossenen Handelsstaat, dessen Regierung die eigene Nation gegen alle EinflĂŒsse von außen abschirmt und mit einem vernĂŒnftigen Gleichmaß sowie mit strenger Gerechtigkeit herrscht. UnumgĂ€ngliche Grundlage dieses Staates mĂŒsse die FĂ€higkeit zur Autarkie sein. Obwohl Fichtes Handelssystem eine gewisse NĂ€he zu sozialistischen Staatsutopien nicht abgesprochen werden kann, bleibt fĂŒr ihn das private Eigentum unantastbar. Dieses private Eigentum begreift Fichte als existentielle Basis individueller Existenz, da ohne Eigentum keine Freiheit möglich sei. Fichte verstand unter Nationalismus keine Ideologie, sondern die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei.cite-ref-30[30]cite-ref-31[31]

Gleichermaßen untersuchte Adam Heinrich MĂŒller, als Hauptvertreter der politischen Romantik, in seinem Werk Die Elemente der Staatskunst (1809) die geistigen Grundlagen von wirtschaftlich entwickelten Nationen, wie diese ihren Reichtum fĂŒr alle Gesellschaftsschichten nutzbringend anwenden und eine gerechte Weltordnung erzeugen können. Zentral ist dabei seine Kritik am Liberalismus, der dem Gemeinwohl entgegenstehe. Adam Smiths Freihandelskonzept lehnte MĂŒller ab und hob die „krĂ€ftigende Wirkung, die eine autarke Wirtschaft auf den Gemeinschaftssinn ausĂŒbt“, hervor.cite-ref-32[32]

Friedrich List schlug in seinem Hauptwerk Das nationale System der politischen Ökonomie (1841) als Reaktion auf die sich anbahnende britische Freihandelspolitik einen verstĂ€rkten Zollschutz junger und noch nicht weltmarkttauglicher Industrien gegenĂŒber der ĂŒbermĂ€chtigen britischen Konkurrenz vor. List war kein Gegner autarker Wirtschaftsformen, jedoch auch kein Feind transnationaler Verflechtungen. Er empfahl eine reichhaltige Mischung wirtschaftspolitischer Maßnahmen, mit denen nachholende Ökonomien ihre Stellung in der Weltwirtschaft optimieren können. FĂŒr Deutschland war List außerdem ein VorkĂ€mpfer des 1834 geschaffenen Zollvereins. International einflussreich wurden seine Theorien lange nach seinem Tod fĂŒr die Wachstumsstrategien von EntwicklungslĂ€ndern.cite-ref-33[33]

Die heftigste Kritik am Freihandel liefert der Marxismus. Er versteht sich auch heute als klassische Gegentheorie zur liberalen Lehre und besagt, dass Freihandel abzulehnen ist, weil er die Freiheit des Kapitalverkehrs zur Grundlage hat. Ohne nationale Barrieren fĂŒr das Kapital trete der Gegensatz zwischen den Klassen noch stĂ€rker hervor („gewissenlose Handelsfreiheit“). Zudem verschĂ€rfe der Freihandel die nationale und internationale Ungleichheit, was niemals friedensfördernd sein könne.cite-ref-34[34] Zur Autarkie analysierte Karl Marx, dass kapitalistische LĂ€nder niemals autark sein können, da der Kapitalismus immer auf Expansion angewiesen ist. Deshalb sei „in einer internationalen Produktionsweise jeder Gedanke an das lĂ€ngerfristige Überleben einer autarken Wirtschaftsorganisation ein Hirngespinst“. Infolge dieser Ambivalenz haben kommunistische Bewegungen die Autarkie zu verschiedenen Zeiten als Ziel angenommen oder abgelehnt.cite-ref-35[35]

Deutsches Kaiserreich

WĂ€hrend des raschen Wirtschaftswachstums ab 1850 hatte sich die deutsche Wirtschaftsentwicklung von den Autarkiebestrebungen des Merkantilismus auf Laissez-faire und Internationalismus verlagert. Bismarck und mit ihm alle Deutschen Kaiser förderten den internationalen Handel. Im April 1866 erklĂ€rte Georg Siemens, der bald die Deutsche Bank grĂŒndete: „Seit wir nĂ€mlich durch Abschließung des französischen Handelsvertrages unsere ganze Handelspolitik geĂ€ndert haben und in den Freihandel ĂŒbergegangen sind, seit diesem Augenblick sind wir in das westeuropĂ€ische System ĂŒbergegangen.“cite-ref-36[36]

Dass 1871 mitten in Europa ein wirtschaftlich starker, ihren kontinentalen Nachbarn ĂŒberlegener großer Einheitsstaat entstand, bedeutete eine geopolitische Revolution. Die Mitte Europas war bis dahin staatlich fragmentiert gewesen. Innerhalb kĂŒrzester Zeit gelang es Deutschland, eine fundierte und erfolgreiche Wirtschaftspolitik weit ĂŒber seine Grenzen hinaus zu fĂŒhren. Dies war möglich geworden, weil sich das Deutsche Kaiserreich auf vielfĂ€ltige Weise in die Weltwirtschaft einband. Die intensivsten Handels- und Finanzkontakte bestanden dabei mit anderen europĂ€ischen LĂ€ndern sowie den Vereinigten Staaten und hatten keinerlei imperialistische Bedeutung. Nach Großbritannien verfĂŒgte Deutschland bald ĂŒber die grĂ¶ĂŸte Handelsflotte der Welt. Als Kapitalexporteur stand Deutschland hinter Großbritannien ebenfalls an zweiter Stelle. Seine HandelshĂ€user und Großkonzerne bauten GeschĂ€ftsbeziehungen in alle Welt auf. Deutschland war nicht nur Nutznießer, sondern aktiver Mitgestalter der großen wirtschaftlichen Globalisierungswelle vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser entpuppte sich dann im Wesentlichen als Handelskrieg.cite-ref-37[37]cite-ref-38[38]

Nach der britischen KriegserklĂ€rung vom 4. August 1914 verhĂ€ngte Großbritannien gegenĂŒber dem Deutschen Reich eine Seeblockade. Am 2. November 1914 erklĂ€rte die britische AdmiralitĂ€t die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet und legte fĂŒr die neutrale Schifffahrt bestimmte Routen fest, um Schiffe leichter zur Kontrolle in englische HĂ€fen zu zwingen. Mit militĂ€rischem und diplomatischem Druck wurden nahezu alle neutralen Staaten gezwungen, keinen Handel mit Deutschland zu treiben und die britische Kontrolle ĂŒber den Seehandel zu akzeptieren. Die Seeblockade verstieß gegen das Völkerrecht, erwies sich aber als sehr wirksame und dauerhafte Waffe gegen die deutsche Wirtschaft und gegen die notleidende Bevölkerung, fĂŒr die sie zur „Hungerblockade“ wurde. Auch nach dem Waffenstillstand von CompiĂšgne im November 1918 setzten die Briten die Blockade fort.cite-ref-39[39] Nach damals ĂŒberwiegend vorherrschender Meinung wurde damit Deutschland gezwungen, eine Politik der Selbstversorgung einzuschlagen.cite-ref-40[40]

Weimarer Republik

Nicht zuletzt unter der Erfahrung der britischen Seeblockade knĂŒpften nach 1918 Ökonomen, Politiker, Publizisten und Soziologen verschiedener politischer Couleur an das Konzept eines geschlossenen, autarken Wirtschaftsraums an. Dazu zĂ€hlten unter anderem Max Weber, Werner Sombart, Karl Renner, Heinrich Braun, Edgar JaffĂ©, Robert Michels, Emil Lederer, Eduard Spranger, Robert Friedlaender-Prechtl, Ferdinand Fried.cite-ref-41[41]

So prĂ€gte beispielsweise zu dieser Zeit Max Weber in Anlehnung an Aristoteles die These „Autarkie des Oikos“, wonach ein geschlossener, selbstgenĂŒgsamer Großhaushalt keinen Markt benötigt.cite-ref-42[42] Oder Karl Renner, der bei seinen AutarkieĂŒberlegungen zu dem Ergebnis kam: „Beinahe jedes StĂŒck ErdflĂ€che, selbst die Schneefelder der Eskimos, kann in völliger Isolierung noch Menschen nĂ€hren.“cite-ref-43[43] Und Werner Sombart erhoffte sich die Überwindung des „ökonomischen Zeitalters“ durch eine starke FĂŒhrerpersönlichkeit, wirtschaftliche Autarkie sowie die Hebung des Bauernstandes.cite-ref-44[44]

Erheblich dezimiert wurde die deutsche Wirtschaftskraft nach Kriegsende durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags. Deutschlands Industrieproduktion war 1919 auf den Stand von 1888 zurĂŒckgefallen. Das Deutsche Reich musste zahlreiche Gebiete abtreten und verlor dadurch 26 % seiner Steinkohleförderung sowie 44 % der Roheisen- und 38 % der Stahlproduktion. Die Abtretung Elsass-Lothringens bedeutete den Verlust von 70 % der gesamten deutschen Erzförderung. Die Landwirtschaft verlor insgesamt einen FlĂ€chenanteil von 14 %.cite-ref-45[45]

VerschĂ€rfend auf die Autarkiedebatten wirkte sich zudem aus, dass Deutschland keinen uneingeschrĂ€nkten Zugang zum Weltmarkt erhielt, seinen Markt öffnen, Zölle reduzieren und den SiegermĂ€chten einseitig die MeistbegĂŒnstigung einrĂ€umen musste. Dazu kamen enorme Reparationsforderungen, die grĂ¶ĂŸtenteils mit Waren oder in Devisen zu erbringen waren. Die Beschaffung ausreichender Devisen erwies sich infolge der handelspolitischen BeschrĂ€nkungen als nahezu unmöglich, sodass zur Zeit der Weimarer Republik das Erreichen einer grĂ¶ĂŸtmöglichen Autarkie eine der wichtigsten ökonomischen und politischen Herausforderungen darstellte.cite-ref-universit-t-hohenheim-46-0[46]cite-ref-47[47]

Bei der Nahrungsmittelproduktion sollte dieses Ziel beispielsweise durch den vermehrten Gebrauch von MineraldĂŒnger zur Ertragssteigerung realisiert werden. WĂ€hrend es fĂŒr die DĂŒngemittelindustrie möglich war, Stickstoff und Kalium im eigenen Land zu beziehen und herzustellen, musste Phosphat gegen Devisen importiert werden. Um dies zu vermeiden, begann die Forschung ĂŒber die PflanzenverfĂŒgbarkeit von Phosphat im Boden. Neben Feld- und GefĂ€ĂŸversuchen fĂŒhrten staatliche Institutionen gemeinsam mit der Industrie Laborversuche mit Bodenorganismen durch, um die landwirtschaftlichen ErtrĂ€ge zu steigern.cite-ref-universit-t-hohenheim-46-1[46] Garten- und Siedlungsplaner entwickelten Konzepte der „Selbstversorgung fĂŒr Jedermann“. Diese besagten, dass jeder ĂŒber ausreichend Gartenland verfĂŒgen mĂŒsse, um die fĂŒr die eigene ErnĂ€hrung notwendigen Lebensmittel anbauen zu können. Zudem wurden erfolgreich Konzepte zur Kreislaufwirtschaft und zu Anbaumethoden entwickelt, welche die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig verbesserten.cite-ref-48[48]

Auch auf anderen Gebieten, wie bei der Umwandlung von Kohle in synthetisches Benzin, setzten die Autarkiebestrebungen ein gewaltiges Innovationspotential frei. Von den zwischen 1919 und 1933 verliehenen 36 naturwissenschaftlichen Nobelpreisen ging jeder dritte an einen Forscher aus Deutschland. Zur Erhaltung und Förderung der Forschung wurde die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegrĂŒndet. Der Staat trat dabei als Auftraggeber und Finanzier auch nichtstaatlicher Institutionen auf.cite-ref-49[49]

Ab der zweiten HĂ€lfte der 1920er Jahre stellte der vom Reichstag eingerichtete „Enquete-Ausschuss zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft“ einen Trend zur zunehmenden Autarkie fest. So sank beispielsweise der Anteil der gesamten Agrareinfuhren von 21,9 % im Jahr 1925 bis auf 9,6 % im Jahr 1931. Der deutliche Anstieg der Selbstversorgung wurden vor allem den agrar- und handelspolitischen Maßnahmen zugeschrieben.cite-ref-50[50]

SpĂ€testens nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise (1929) war das Thema Autarkie in Deutschland allgegenwĂ€rtig. Dabei waren antiliberale Wirtschaftstheorien und der Ruf nach Abschottung vom Welthandelssystem keineswegs ureigene DomĂ€nen nationalsozialistischer Programmatik.cite-ref-51[51] FĂŒr eine Totalautarkie setzten sich grundsĂ€tzlich alle konservativen Parteien ein. Eine prinzipiell radikale, tatsĂ€chlich aber abgemilderte Autarkie forderten die NSDAP, die VNR und die KVP. Die KPD strebte eine Vollautarkie mit geistig-kultureller VerselbstĂ€ndigung nach russischem Vorbild in einem Sowjetdeutschland an. Der Landbund, die DNVP, verschiedene Bauernparteien und auch die Bayerische Volkspartei wollten eine ökonomische Teilautarkie (Agrarautarkie, WĂ€hrungsautarkie). Die DDP verneinte eine Wiederherstellung des „Manchesterliberalismus“, lehnte aber genauso wie das Zentrum, die DVP und die SPD vom Grundsatz her jegliche Autarkie ab.cite-ref-52[52]

Dessen ungeachtet unterstĂŒtzten alle Kabinette der Weimarer Republik mittels Subventionen die Produktion heimischer Waren sowie die Forschung und Entwicklung von Ersatzstoffen. Die Subventionspolitik trat erstmals in der Weimarer Zeit in Erscheinung.cite-ref-53[53] Sie wurde als wichtiges sowie modernes Instrument der Wirtschaftspolitik betrachtet und systematisch in großem Maße genutzt. HauptsĂ€chliche Nutznießer der Subventionen waren die Landwirtschaft, die Chemie und die Schwerindustrie.cite-ref-54[54] Der Zusammenbruch des Welthandels und die außenwirtschaftliche Entflechtung fĂŒhrten zu einer neuen Autarkiepolitik. In dieser dominierten aufgrund der Weltwirtschaftskrise, der hohen Arbeitslosigkeit, der Kapitalknappheit, der internationalen Kapitalverflechtung, der Zinslast und des RĂŒckzugs vieler anderer Volkswirtschaften aus dem Welthandel ausschließlich wirtschaftliche Aspekte.cite-ref-55[55]

Vor diesem Hintergrund schrĂ€nkte die Regierung BrĂŒning durch mehrere Notverordnungen im Jahr 1932 den freien Kapitalverkehr ein. Verbunden mit der Erhebung einer Reichsfluchtsteuer wurde der gesamte Außenhandel auf eine Devisen-Zwangsbewirtschaftung umgestellt. Private DevisenbestĂ€nde waren der Reichsbank anzuzeigen. Über zentrale Devisenstellen lenkte und kontrollierte fortan der Staat jede einzelne Firma, die Handel mit dem Ausland betrieb. Dies war jedoch kein deutscher Alleingang. Weltweit kristallisierten sich abgegrenzte Handelsblöcke heraus, wobei Großbritannien und Frankreich mit ihren Kolonien eigene Blöcke bildeten.

Neben dem Deutschen Reich fĂŒhrten 15 andere europĂ€ische und sieben außereuropĂ€ische LĂ€nder eine Devisenbewirtschaftung ein. Da in diesen Staaten nur wenige Devisen vorhanden waren, versuchten die Regierungen dieser LĂ€nder auf Grundlage bilateraler VertrĂ€ge den Außenhandel ohne Devisen mittels direktem Warentausch abzuwickeln. Deutschland schloss 1932 mit mehreren osteuropĂ€ischen Staaten sowie Österreich und DĂ€nemark bilaterale Verrechnungsabkommen. Die Abwicklung erfolgte auf Basis eines Clearing-Verfahrens, bei dem die beiden beteiligten LĂ€nder den Wert der AußenhandelsgĂŒter sich auf Clearingkonten gegenseitig gutschrieben und versuchten zu einem Ausgleich zu kommen. Mit diesen autarken KompensationsgeschĂ€ften unterliefen die teilnehmenden LĂ€nder das MeistbegĂŒnstigungsprinzip sowie das gesamte Börsen-, Kredit- und Zinssystem, insbesondere der britischen und US-amerikanischen Finanzoligarchie.cite-ref-grinebook-56-0[56]

NS-Zeit

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde die Autarkie ein Schlagwort fĂŒr die ökonomische Kompetenz der NSDAP und ein erklĂ€rter Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Zur Ideologie erhoben, stellte zunĂ€chst die Autarkiepolitik nichts anderes als eine Fortsetzung der ergriffenen Maßnahmen wĂ€hrend der Weimarer Republik dar, allerdings in erheblich grĂ¶ĂŸerem Ausmaß. Dass die Nationalsozialisten den eingeschlagenen Weg weitergingen, kam zum Beispiel im „Wirtschaftlichen Sofortprogramm“ von 1932 zum Ausdruck. In diesem wurde postuliert, dass bei der Rohstoffeinfuhr befreundete europĂ€ische Staaten zu bevorzugen seien, insbesondere wenn sie im Gegenzug bereit wĂ€ren, deutsche Fertigwaren zu importieren.cite-ref-grinebook-56-1[56]

Hitler selbst hat den Begriff der Autarkie immer nur als AnnĂ€herungsgrĂ¶ĂŸe verstanden und den vorĂŒbergehenden Notcharakter der Maßnahmen betont. In der RegierungserklĂ€rung vom 23. MĂ€rz 1933 erlĂ€uterte er, dass „die geographische Lage des rohstoffarmen Deutschland eine Autarkie fĂŒr unser Reich nicht vollkommen zulĂ€sst.“cite-ref-57[57]cite-ref-thorsten-h-bner-58-0[58]cite-ref-59[59] Demzufolge definierten in der Folgezeit die Nationalsozialisten den Begriff der Autarkie recht unterschiedlich. So gab Werner Daitz, Leiter der Abteilung Außenhandel im Außenpolitischen Amt der NSDAP, vor:

„Die NSDAP versteht unter Autarkie das Lebensrecht jedes Volkes und jeder Nation, seine Wirtschaft so zu gestalten, daß sie ihm eine Burg ist, in der es im Falle handelspolitischer, kriegerischer oder gar wĂ€hrungspolitischer Verwicklungen nicht ausgedurstet oder ausgehungert werden kann.“cite-ref-volkmann-60-0[60]cite-ref-thorsten-h-bner-58-1[58]

Eine weitere offizielle Definition lieferte Heinrich Hunke, NS-Wirtschaftsideologe und Abteilungsleiter im Reichsministerium fĂŒr VolksaufklĂ€rung und Propaganda, der festhielt:

„Autarkie war uns niemals ein Gegensatz zum Außenhandel. Wir sind immer Gegner einer Autarkie im Sinne der InsularitĂ€t gewesen. Wir haben es aber von jeher fĂŒr unabweisbar notwendig gehalten, daß psychologisch und praktisch der Schwerpunkt der Wirtschaft unseres Volkes stets in unserem eigenen Raume liegt, daß die ErnĂ€hrung unseres Volkes innerhalb seiner Grenzen gesichert ist, und daß die notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe, die in unserem Lande nicht vorhanden sind, weil die Rohstoffbasis oder weil die AnbauflĂ€che nicht ausreicht, in erster Linie dort gekauft werden, wo sie im Falle von Verwicklungen im Bereich der eigenen Waffen liegen. Wir reden also nicht einer möglichen InsularitĂ€t, das Wort, wohl aber von einer Autarkie im Sinne planvoller, vom Gesichtspunkt der eigenen Sicherheit geleiteten Einfuhr. Gewiß, das Wort Autarkie ist doppeldeutig. Wir sehen aber keinen Grund, diese Bezeichnung jetzt zu ersetzen, nachdem wir sie Jahre hindurch verfochten haben. Begriffe können ihre Bedeutung wechseln, aber politische Bewegungen mĂŒssen auch den letzten Anschein meiden, als ob sie ihre Ziele wechseln.“cite-ref-thorsten-h-bner-58-2[58]

In der Praxis kamen der Autarkie und der Außenwirtschaft nur eine dienende Funktion fĂŒr machtpolitische Ziele des Nationalsozialismus zu. Respektive wurde die Autarkie im Sinne einer völligen SelbstgenĂŒgsamkeit aus völkischen GrĂŒnden abgelehnt, weil das nach Auffassung Hitlers einer „Selbstaufgabe im Lebenskampf“ gleichgekommen wĂ€re. Es ging dem NS-Regime nicht um Verzicht, sondern um eine Lenkung der Ökonomie durch Interventionen. Die Selbstversorgung blieb abhĂ€ngig von der jeweils aktuellen innen- und außenpolitischen Konstellation sowie von der jeweiligen aktuellen Wirtschaftspolitik.cite-ref-thorsten-h-bner-58-3[58]cite-ref-volkmann-60-1[60]

Allgemein war in Deutschland die Zeit zwischen 1933 und 1939 von technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Aufschwung gekennzeichnet. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung verband damit ein GefĂŒhl steigender sozialer Sicherheit. Der Historiker Götz Aly prĂ€gte in diesem Zusammenhang den Begriff „WohlfĂŒhldiktatur“.cite-ref-61[61] Im Mittelpunkt stand zunĂ€chst die schnelle Durchsetzung umfangreicher Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung, wie das Reinhardt-Programm. Neben dem Straßenbau senkte das NS-Regime die Arbeitslosigkeit insbesondere durch Wohnungsbauprogramme, Steuererleichterungen, DurchfĂŒhrung von Fortbildungskursen und die Schaffung staatlich subventionierter BeschĂ€ftigungsmöglichkeiten, zum Beispiel als Land- und Erntehelfer oder FĂŒrsorgearbeiter. Zahlreiche Kampagnen zum bevorzugten Kauf in Deutschland hergestellter Produkte sollten zusĂ€tzlich Konsumbereitschaft und Binnennachfrage anregen.cite-ref-62[62]

Im Zuge der Autarkiebestrebungen forcierte die Regierung ab 1935 den Aufbau einer Ersatzstoffproduktion vor allem auf den Gebieten der Benzin- und Kautschuksynthese sowie der Kunstfaserproduktion: Der bei der Brabag und in ĂŒber 20 anderen Hydrierwerken produzierte synthetische Kraftstoff sollte die AbhĂ€ngigkeit von Ölimporten vermindern und die Buna-Werke entwickelten synthetischen Kautschuk, um die Reifenindustrie von Rohgummiimporten zu befreien. Auch in der KonsumgĂŒterproduktion wurde zunehmend auf Ersatzstoffe zurĂŒckgegriffen, zum Beispiel bei RadiogehĂ€usen, ArmaturengerĂ€ten und in der Bekleidungsindustrie: Wolle und Baumwolle wurden durch Kunstseide und Zellwolle ersetzt, Leder durch Igelit. WĂ€hrend bei der Ersatzstoffproduktion vor allem Privatunternehmen eingebunden waren, ĂŒbernahm der Staat mit der GrĂŒndung der Reichswerke die Verarbeitung von Produkten, die fĂŒr die Industrie unrentabel erschien.cite-ref-63[63]cite-ref-0-64-0[64]

Allgemein wird in der Geschichtsforschung davon ausgegangen, dass die Autarkiebestrebung vor 1936 noch keine militĂ€rstrategische Komponente besaß. Dies Ă€nderte sich ab August 1936 mit Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan und der daraus resultierenden Verordnung zur DurchfĂŒhrung des Vierjahresplans vom 18. Oktober 1936. Damit erhielt Hermann Göring die Generalvollmacht, binnen vier Jahren die wirtschaftliche und militĂ€rische KriegsfĂ€higkeit des Deutschen Reiches durch Autarkie und forcierte AufrĂŒstung zu erreichen. Ein von Hitler in seiner Denkschrift explizit gefordertes Ziel war eine stĂ€rkere Autarkie in der Rohstoffversorgung.cite-ref-65[65] Nach der Entlassung von Hjalmar Schacht als Reichswirtschaftsminister im Sommer 1938 stellte Göring den Vierjahresplan völlig auf wehrwirtschaftliche Ziele um, sodass die BedĂŒrfnisse der zivilen Wirtschaft keine BerĂŒcksichtigung mehr fanden.cite-ref-0-64-1[64]

Hitlers Ziel bestand letztendlich darin, eine Versorgung des Deutschen Reiches möglichst unabhĂ€ngig vom Ausland zu gewĂ€hrleisten. TatsĂ€chlich wurde im Dritten Reich eine Autarkie nie annĂ€hernd erreicht, weder in der Nahrungsmittelproduktion noch in der Treibstoffherstellung, geschweige in der Schwerindustrie. Die Autarkie war lediglich pars pro toto. Denn sehr wohl bildete der Außenhandel den wichtigsten Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Die wehrwirtschaftliche Versorgung war maßgeblich von der Einfuhr abhĂ€ngig. Deshalb erfolgte ein erheblicher Ausbau des Clearingverfahrens, vor allem durch den Abschluss bilateraler VertrĂ€ge mit sĂŒdosteuropĂ€ischen sowie sĂŒdamerikanischen LĂ€ndern und bis Juni 1941 mit der Sowjetunion. Auf dieser Basis bestand allerdings auch ein deutsch-britisches Zahlungsabkommen ab 1934.

Ziel der Außenhandelspolitik sollte die Bildung autarker WirtschaftsrĂ€ume sein, die letztendlich Hitlers Lebensraumforderung und der Vorstellung einer blockadesicheren europĂ€ischen Großraumwirtschaft entsprachen. HierfĂŒr wurde im Jahr 1939 die Gesellschaft fĂŒr europĂ€ische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft gegrĂŒndet. Ob die nationalsozialistischen weltanschaulichen Grundauffassungen der Rassenideologie, verbunden mit der Autarkie- und Großraumtheorie, so etwas wie ein außenwirtschaftliches Programm darstellten, ist bis heute Gegenstand kontrovers diskutierter wissenschaftlicher Untersuchungen.cite-ref-grinebook-56-2[56]

DDR

Die im Dritten Reich praktizierte Autarkiepolitik fĂŒhrte die DDR fort.cite-ref-66[66] DafĂŒr hatte das SED-Regime gĂŒnstige Voraussetzungen, denn die DDR erbte den von Beginn an auf Autarkie ausgerichteten, großbetrieblich strukturierten mitteldeutschen Industriekomplex (Leunawerke, Brabag-Werke, Buna-Werke etc.).cite-ref-67[67] Zentrale Leitlinie der Wirtschaftspolitik in der DDR war die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, welche durch Autarkie, Dirigismus und FĂŒnfjahresplĂ€ne verwirklicht werden sollte. Obwohl sich die Versorgungslage absolut gesehen stetig verbesserte, fĂŒhrte die Forderung der DDR-Regierung nach einer immer besseren Versorgung der Bevölkerung, und zwar möglichst ohne notwendige Importe, zu einer Mangelwirtschaft. TatsĂ€chlich erreichte die DDR in Teilbereichen der Landwirtschaft einen hohen Selbstversorgungsgrad. Ebenso war die DDR bei Strom und WĂ€rme unter Verwendung heimischer Braunkohle autark. Jedoch konnte die KonsumgĂŒterproduktion zu keinem Zeitpunkt das Lebensniveau im erwĂŒnschten Maß erhöhen. Zudem hatten die Autarkiebestrebungen in nahezu allen Wirtschaftszweigen negative ökologische Auswirkungen.cite-ref-68[68]cite-ref-69[69]

In der Landwirtschaft wurden durch Spezialisierung sowie durch GroßflĂ€chigkeit eine Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion angestrebt, um neben der autarken Versorgung der eigenen Bevölkerung, möglichst Devisen erwirtschaften zu können.cite-ref-70[70] Mit der Notwendigkeit einer effektiveren Bodennutzung und zur Sicherung von Ertragssteigerungen entstanden im Rahmen von Kollektivierungsmaßnahmen Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) und Volkseigene GĂŒter (VEG). Zu einem tierischen Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung sollte HĂŒhnerfleisch werden. Unmittelbar nach GrĂŒndung der DDR wurde die Eier- und GeflĂŒgelproduktion flĂ€chendeckend so organisiert, dass eine autarke Versorgung ab Ende der 1950er Jahre gewĂ€hrleistet war. In diesem Bereich konnte ein Selbstversorgungsgrad von jĂ€hrlich ĂŒber 110 % erreicht werden.cite-ref-71[71]

Die Eier- und Broilerproduktion erfolgte in insgesamt 22 industriellen Mastkombinaten (KIM).cite-ref-72[72] Die BestandsgrĂ¶ĂŸen der offiziell sogenannten Broilermastanlagen waren hoch. Innerhalb der Mastkombinate gab es Betriebe mit ĂŒber einer Million Legehennen und 1,6 Millionen HĂ€hnchen. Die Massentierhaltung ging zu Lasten der Umwelt, Menschen und Tiere. JĂ€hrlich fielen ĂŒber Tausende Tonnen GeflĂŒgelexkremente an, die nicht selten in ehemaligen SteinbrĂŒchen oder Sandgruben abgekippt wurden. Die FĂ€kalien fĂŒhrten zu extremen GeruchsbelĂ€stigungen und das fĂŒr die Neutralisation der Abgase nötige Kaliumpermanganat stand in der DDR-Volkswirtschaft nicht in ausreichendem Maße zur VerfĂŒgung. Dazu brachen ab Beginn der 1970er Jahre durch die intensive Haltung und Konzentration großer ViehbestĂ€nde großflĂ€chig Tierseuchen aus. Die DDR war weltweit das erste Land, das prophylaktische Impfungen gegen die GeflĂŒgelpest einfĂŒhrte. Diese sind heute in Deutschland und der EU aufgrund des Mutationsrisikos verboten.cite-ref-73[73]cite-ref-74[74]

Gleichfalls konnte in der Schweinefleischproduktion ein sehr hoher Selbstversorgungsgrad erreicht werden. Hier existierten zahlreiche Mastanlagen, in denen je Einzelbetrieb bis zu 180.000 Tiere gehalten wurden. Die Großanlagen arbeiteten sehr energie- und damit kostenintensiv. Daneben fĂŒhrten die Ausscheidungen der Tiere bei einer derartigen Konzentration zur enormen Ammoniakbelastung der Luft in der Umgebung der Mastbetriebe.cite-ref-75[75] Obwohl auf dieser Basis eine Autarkie aufgrund ausreichend hoher TierbestĂ€nde faktisch bestand und auch niemand in der DDR hungern musste, war die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch- und Wurstwaren von stĂ€ndiger Knappheit geprĂ€gt. Denn Waren, die ursprĂŒnglich zur Deckung des Inlandbedarfs vorgesehen waren, wurden im großen Stil exportiert. Sehr viel Lebendvieh und frisch geschlachtetes Fleisch ging in den Export nach Westdeutschland. Im Gegenzug erhielt die DDR Devisen und importierte aus der Bundesrepublik Ă€lteres KĂŒhlhausfleisch sowie billige Innereien. Das meiste Frischfleisch erhielt jedoch die UdSSR auf Grundlage spezieller „Öl-gegen-Fleisch-TauschgeschĂ€fte“.cite-ref-76[76] Nachdem die sowjetischen Genossen Ă€ußerst verĂ€rgert feststellten, dass die DDR-FĂŒhrung das billige Erdöl gegen Devisen in den Westen verkaufte, hoben sie die Festpreise Mitte der 1970er Jahre auf und verteuerten das Öl um das Achtfache.cite-ref-mdr-77-0[77]

Damit blieb der DDR-Industrie nichts anderes ĂŒbrig, als wieder auf die einheimische Braunkohle zurĂŒckzugreifen. Der in ganz Mitteldeutschland in ausreichender Menge vorhandene Rohstoff diente der ĂŒber 100 % autarken Strom- und WĂ€rmeerzeugung sowie der Herstellung carbochemischer Produkte, wie Synthesegas, Synthesekautschuk, Plaste, synthetische Kraftstoffe. So war auch die Benzinproduktion der DDR zu jeder Zeit grĂ¶ĂŸer als der Inlandsbedarf. Das hatte seine hauptsĂ€chliche Ursache im relativ niedrigen Motorisierungsgrad (1988: in der DDR 225, in der Bundesrepublik 470 PKW pro 1000 Einwohner). Lange Warteschlangen vor den Tankstellen waren jedoch keine Seltenheit, denn jĂ€hrlich wurden bis zu 6 Millionen Tonnen Mineralölprodukte – in erster Linie Kraftstoffe – exportiert. Wichtigster Abnehmer war die Bundesrepublik.cite-ref-mertsching-78-0[78]

Anstatt, wie ursprĂŒnglich vorgesehen, die mit grĂ¶ĂŸtenteils veralteten AusrĂŒstungen und Technologien kostenaufwendige Erzeugung carbochemischer Produkte einzustellen, ordnete die DDR-WirtschaftsfĂŒhrung im Jahr 1980 an, vorhandene Anlagen zur Verarbeitung von Braunkohle zu stabilisieren, bereits abgeschaltete Hydrierwerke wieder anzufahren und die Kohleveredlung weiter auszubauen. Zentren der KohleverflĂŒssigung waren bis 1990 die Betriebe in Espenhain, Böhlen, Rositz, LĂŒtzkendorf und insbesondere das Hydrierwerk Zeitz. Vergiftete GewĂ€sser, sterbende WĂ€lder und die starke Belastung von Luft und Böden waren die Folge der ab 1980 verstĂ€rkten Verarbeitung von Braunkohle. Mit Ausstoßwerten von 5,2 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 2,2 Millionen Tonnen Schwebstaub erreichte die DDR im Jahr 1988 die höchsten Emissionswerte aller europĂ€ischen LĂ€nder.cite-ref-mertsching-78-1[78]

Bis 1989 entfaltete sich die DDR mit jĂ€hrlich 320 Millionen Tonnen zum grĂ¶ĂŸten Braunkohleproduzenten der Welt. 90 % der Kohleproduktion wurde zu Benzin und Diesel verarbeitet.cite-ref-79[79] DafĂŒr ließ die StaatsfĂŒhrung der DDR mehrere Tausend Quadratkilometer umgraben, hunderte Orte zerstören und Zehntausende Menschen umsiedeln.cite-ref-mdr-77-1[77] Neben dem Verlust riesiger Feld- und damit ErtragsflĂ€chen fĂŒhrte die Zwangsumsiedlung zu einer Bevölkerungsverdichtung in den StĂ€dten und zunehmenden Versorgungsproblemen.cite-ref-80[80]cite-ref-81[81] Durch den Abbau von Braunkohle wurde der DDR jĂ€hrlich etwa 12.000 bis 15.000 Hektar FlĂ€che entzogen. Dabei betrug der Anteil der landwirtschaftlich genutzten FlĂ€che fast 20 Prozent, was neben den ökonomischen Verlusten auch eine Vernichtung von ökologisch wichtigen LebensrĂ€umen bedeutete. Schwerer wog das Verschwinden von bisher wirtschaftlich ungenutzten FlĂ€chen insbesondere Waldgebieten fĂŒr dort angesiedelte Tiere und Pflanzen, ebenso wie der Wegfall von wasserwirtschaftlich genutzten FlĂ€chen, die das Absinken des Grundwasserspiegels hĂ€tten abfedern können.cite-ref-82[82]

Letztlich war die Verringerung der landwirtschaftlichen FlĂ€chen durch den Bergbau einer der HauptgrĂŒnde, warum die DDR pro Jahr bis zu 5 Millionen Tonnen Getreide importierte. Dabei handelte es sich ĂŒberwiegend um Futtergetreide.cite-ref-83[83] Damit erwiesen sich die Autarkiebestrebungen des SED-Regimes als reine Misswirtschaft. Der Futtermittelverbrauch war durch die großen TierbestĂ€nde derart hoch, dass der Bedarf durch Eigenproduktion nicht gedeckt werden konnte. Deshalb wurde der Futterbedarf zu einem FĂŒnftel durch Einfuhren gedeckt. Ab Beginn der 1970er Jahre verursachten Getreide- und Futtermittelimporte 60 % der Westschulden. Aufgrund dessen war die StaatsfĂŒhrung stets bemĂŒht, die Futterimporte zu reduzieren, um Devisen zu sparen. So fielen die Getreideeinfuhren infolge von ImportbeschrĂ€nkungen von 4,8 Millionen Tonnen im Jahr 1978 bis auf 1,5 Millionen Tonnen im Jahr 1987. Die Folgen der Importrestriktionen zeigten sich umgehend: FĂŒr die Tiere gab es weniger Futter, sodass im Durchschnitt das Ablieferungsgewicht der Schweine von 127 auf 94 Kilogramm sank und der Bestand auf die HĂ€lfte der Tiere schrumpfte.cite-ref-84[84]

Im Jahr 1987 stellte die Staatliche Plankommission fest, dass die PlĂ€ne und Berechnungen, autark aus eigener Kraft eine umfangreiche technologische Rationalisierung in der Industrie durchzusetzen, gescheitert waren.cite-ref-85[85] Abgeschottet vom Weltmarkt, ĂŒberwiegend ausgestattet mit Vorkriegstechnik und wenig Innovationspotential, waren die Versuche absurd, in einem rohstoffarmen Land ĂŒberproportional, in großem Stil einen fĂŒr den Export produzierenden Sektor ressourcenintensiver Industrien autark betreiben zu können.cite-ref-86[86] Dazu kam, dass mangels technischen Fortschritts die ArbeitsproduktivitĂ€t im Laufe der Zeit weit hinter der westdeutschen zurĂŒckblieb (1989: Bundesrepublik 100 %, DDR 28,5 %). Dieser ModernisierungsrĂŒckstand hatte ideologische GrĂŒnde. Die DDR verstand sich als Arbeiter-und-Bauern-Staat mit einem extrem hohen Konzentrationsgrad von BeschĂ€ftigten in der Landwirtschaft und in der Industrieproduktion. DemgegenĂŒber stand eine extrem niedrige Zahl der Studierenden.cite-ref-87[87]

Bundesrepublik

In der Bundesrepublik Deutschland wird der Autarkiebegriff seit den 1950er Jahren mit der Wiederaufnahme des Europagedankens beziehungsweise der Diskussion um Europa von der Politik meist abwertend verwendet, vor allem als Bezeichnung fĂŒr eine unerwĂŒnschte Form der Abschottung anstelle gesamteuropĂ€ischer Zusammenarbeit und internationaler Freihandelspolitik.cite-ref-88[88] Vorherrschende Meinung ist heute, dass der Staat viele wesentliche Aufgaben nur im Zusammenwirken mit anderen Staaten zu erfĂŒllen vermag, zum Beispiel die Wahrung der Ă€ußeren und der inneren Sicherheit, die Förderung der Wirtschaft oder der Forschung.cite-ref-89[89]

Im Zeitalter globaler Vernetzungen hat sich Deutschland von der Idee eines geschlossenen Handelssystems vollstĂ€ndig verabschiedet. Die Industrie der Bundesrepublik ist in allen Zweigen exportorientiert und auf auslĂ€ndische Rohstoffe angewiesen.cite-ref-90[90] Gleichfalls ist Deutschland heute bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln massiv vom Ausland abhĂ€ngig. Das gilt sowohl bei Agrarrohstoffen als auch bei Fertigerzeugnissen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamts sind seit Beginn des 21. Jahrhunderts die im Inland landwirtschaftlich genutzten FlĂ€chen fĂŒr ErnĂ€hrungszwecke deutlich zurĂŒckgegangen. Ein Grund dafĂŒr ist der zunehmende Anbau von Energiepflanzen, sodass sich die deutsche Bevölkerung immer mehr aus dem Ausland und immer weniger aus der eigenen Landwirtschaft ernĂ€hrt.cite-ref-91[91]

Nach allgemeiner Lehrmeinung wĂ€re die Umsetzung einer Politik der Autarkie heute auch nahezu undenkbar, da nationale Interessen in der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. So bestimme nicht mehr der Staat, sondern Konzerne ĂŒber Verlagerungen von ProduktionsstĂ€tten ins Ausland, FirmenverkĂ€ufe oder Penetrationsstrategien. Dementsprechend gehe es in der globalen Wirtschaftspolitik nicht um einen Konsens, sondern um Profitinteressen, Gewinnsteigerung und Kapitalmaximierung.cite-ref-92[92]

Andere LĂ€nder (Auswahl)

Das Ziel der Autarkie ist oft nur unter Wohlstandsverlusten erreichbar, da viele GĂŒter im Inland nicht oder nur mit höheren Kosten produziert werden können. Der Wohlstandsverlust des autarken Landes wirkt sich wegen der Reduzierung der internationalen Arbeitsteilung auch auf andere LĂ€nder ungĂŒnstig aus. Trotzdem strebten in der Vergangenheit und streben auch in der Gegenwart viele Staaten eine Selbstversorgung an, beispielsweise mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen oder in der Energieversorgung (partielle Autarkie), um etwa im Kriegs- oder Krisenfalle von Importen unabhĂ€ngig zu sein.cite-ref-93[93]

Einige LĂ€nder der Erde sind aufgrund ihrer GrĂ¶ĂŸe und ihrer BodenschĂ€tze oder ihrer sozioökonomischen und kulturellen Eigenheiten befĂ€higt, in großem Maße wirtschaftlich autark sein zu können. Dazu zĂ€hlen beispielsweise die Vereinigten Staaten, Russland und die Volksrepublik China. Allerdings gibt es heute kein Land auf der Welt, das nicht bestimmte GĂŒter in andere LĂ€nder ausfĂŒhrt oder aus anderen LĂ€ndern einfĂŒhrt. Das Streben eines einzelnen Staates nach vollstĂ€ndiger Autarkie, egal ob freiwillig oder erzwungen, fĂŒhrt unweigerlich zu einer Isolation.cite-ref-94[94]

Sowjetunion

WĂ€hrend die Arbeiter- und SoldatenrĂ€te im frĂŒhen Sowjetrussland eine vollstĂ€ndig autarke Wirtschaft anstrebten, bemĂŒhten sich Lenin und Trotzki schon vor GrĂŒndung der Sowjetunion um eine Dezentralisierung sowie Liberalisierung in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie. Mit erheblichem Widerstand in der eigenen Partei verkĂŒndete Lenin im MĂ€rz 1921 die Neue Ökonomische Politik (NEP), aus der unter anderem mit Deutschland der Vertrag von Rapallo resultierte. Der Schwerpunkt der NEP lag jedoch nicht auf dem Außenhandel, sondern auf einer StĂ€rkung des Binnenmarktes. Die Periode der NEP endete 1927 mit einem Beschluss auf dem XV. Parteitag der KPdSU.cite-ref-95[95]

In zunehmendem Maße befolgte die Außenwirtschaftspolitik Stalins das Ziel der Autarkie der Sowjetunion. Diese sollte die Binnenwirtschaft von den VorgĂ€ngen des Weltmarkts befreien. Dementsprechend schloss die Sowjetunion bis zur Mitte der 1930er Jahre nur 18 multilaterale VertrĂ€ge, ĂŒberwiegend mit Deutschland und Österreich im Bereich Technik und Gesundheit. Der Außenhandel erhielt damit die Rolle eines „LĂŒckenbĂŒĂŸers“, getreu Stalins Devise: „Was im Land produziert werden kann, wird nicht importiert“. Diese Autarkiepolitik erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg keine Neuorientierung. So ließ die sowjetische FĂŒhrung im Juni 1945 bei GrĂŒndung der UNO verkĂŒnden, bilaterale VertrĂ€ge seien eine wesentlich greifbarere BĂŒrgschaft fĂŒr den Frieden als der Freihandel.cite-ref-96[96]

Nach dem Entstehen des sozialistischen Lagers gewannen multilaterale VertrĂ€ge mit „Bruderstaaten“ zunehmend an Bedeutung, allerdings dominierten bis zum Jahr 1957 bilaterale VertrĂ€ge. Innerhalb des RGW-Systems griffen dann die beteiligten Staaten auf das im Dritten Reich erfolgreich praktizierte Clearing-Verfahren zurĂŒck und wickelten den Außenhandel mittels Warengutschriften ab. Damit stellten die RGW-Staaten unter FĂŒhrung der Sowjetunion nichts Geringeres als einen autarken Großwirtschaftsraum dar.cite-ref-97[97]cite-ref-98[98]

Spanien

Zwei Jahre vor Ausbruch des Spanischen BĂŒrgerkriegs grĂŒndeten die anarchistische CNT und die marxistische UGT unabhĂ€ngig voneinander in Asturien und der Levante wirtschaftlich vollstĂ€ndig selbstversorgende Kommunen. Die beiden rivalisierenden Gruppierungen enteigneten Grundbesitzer, teilten das Land auf, erklĂ€rten das Wirtschaftssystem in den besetzten Gebieten fĂŒr autark und regierungsunabhĂ€ngig. Die kommunistischen und linksliberalen Fraktionen der Spanischen Republik, die ebenfalls eine kollektive Bewirtschaftung oder Aufteilung des Bodens unter den Bauern aber mittels zentraler FĂŒhrung anstrebten, ließen die Autarkiebewegungen durch republikanische Regierungstruppen gewaltsam niedergeschlagen.cite-ref-99[99]cite-ref-100[100]

Diesen Bestrebungen entgegengesetzt, wird unter Historikern bis heute ĂŒber die Autarkiepolitik von Francisco Franco kontrovers diskutiert. Vor allem in den Nachkriegsjahren bis 1952 wollte der Diktator infolge internationaler Ächtung eine Autarkie der spanischen Volkswirtschaft erreichen und diese durch Protektionismus untermauern. 1946 zogen mit Ausnahme von Argentinien alle LĂ€nder ihre Botschafter aus Madrid zurĂŒck, da sie ein autoritĂ€res Regime nicht anerkennen wollten. Zeitgleich schloss Frankreich seine Grenze. Bis zur Gegenwart ist in der Geschichtswissenschaft umstritten, ob es sich bei Francos Isolation um eine freiwillige Entscheidung handelte oder nicht.cite-ref-harms-101-0[101]

Als die beiden wichtigsten Instrumente der Autarkiepolitik werden das Instituto Nacional de ColonizaciĂłn (INC), also das Nationale Institut der Landentwicklung, und das Instituto Nacional de Industria (INI) angesehen. Die katastrophale wirtschaftliche Situation, in der sich Spanien aufgrund nahezu völliger Isolation befand, verbesserte sich durch die Vereinigten Staaten im Zuge des Koreakriegs. Um ihren RĂŒckhalt gegen den Kommunismus im Rahmen ihrer Containment-Politik zu stĂ€rken, benötigten die Vereinigten Staaten StĂŒtzpunkte in Europa. Spanien mit seinen HĂ€fen an der Meerenge von Gibraltar war somit eines der wichtigsten LĂ€nder Europas, außerdem hatte Franco immer seine ablehnende Haltung den Kommunisten gegenĂŒber kundgetan.cite-ref-harms-101-1[101]

So wurde, nachdem die Vereinigten Staaten im Jahr 1950 – und kurz danach alle westlichen LĂ€nder – Spanien diplomatisch wieder anerkannt hatten, am 26. September 1953 ein bilaterales Abkommen unterzeichnet, in dem Spanien den Vereinigten Staaten militĂ€rische StĂŒtzpunkte gewĂ€hrte. Im Gegenzug bekam die Regierung in Madrid 225 Millionen US-Dollar als wirtschaftliche Soforthilfe und alle westlichen LĂ€nder nahmen wieder wirtschaftliche Beziehung mit Spanien auf. In dieser Folge begann die spanische Wirtschaft rasant zu wachsen. 1951 konnte das Land der FAO und der UNESCO beitreten. 1955 erfolgte die Aufnahme in die Vereinten Nationen, deren Sicherheitsrat das Franco-Regime ein paar Jahre zuvor in insgesamt drei Resolutionen verurteilt hatte. 1958 wurde Spanien Mitglied in der Organisation fĂŒr EuropĂ€ische Wirtschaftliche Zusammenarbeit und trat dem IWF und der Weltbank bei. Mit dem Plan de EstabilizaciĂłn beendete Franco 1959 offiziell die Autarkiepolitik.cite-ref-harms-101-2[101]cite-ref-102[102]

Albanien

Ein extremes Beispiel fĂŒr das Streben nach völliger Autarkie und UnabhĂ€ngigkeit war die Zeit des albanischen Alleingangs zwischen 1979 und 1990. Dabei ist zu beachten, dass die wirtschaftliche Entwicklung der am 29. November 1944 gegrĂŒndeten Sozialistischen Volksrepublik Albanien sehr dynamisch begann. Der Abbruch der Beziehungen zu westeuropĂ€ischen LĂ€ndern, zu den Vereinigten Staaten und zu den Ostblockstaaten waren Folgen verschiedener Faktoren.

Die Isolation zu den kapitalistischen LĂ€ndern geht auf verdeckte Operationen der Vereinigten Staaten und Großbritannien zurĂŒck, die zwischen 1948 und 1952 versuchten, die albanische Regierung zu stĂŒrzen. DafĂŒr rekrutierten die Geheimdienste der beiden LĂ€nder albanische FlĂŒchtlinge und Exilpolitiker. Eine große Anzahl junger Albaner wurde in Malta, Zypern und Westdeutschland ausgebildet und ins Land geschleust. Der Versuch schlug fehl, weil der englische Doppelagent Kim Philby kurz vor der Intervention alle Informationen der Sowjetunion ĂŒbermittelte. Albanien reagierte mit einer eisernen Isolierung nach Westen nebst EinfĂŒhrung der Todesstrafe fĂŒr Landesverrat und Verschwörung sowie mit einer stĂ€rkeren Anlehnung an die Sowjetunion.cite-ref-103[103]

Eingebunden in das RGW-System entstanden große Schwerindustriebetriebe, zahlreiche Kohle-, Chrom-, Kupfer- und Eisenerzbergwerke, viele EinzelhandelsgeschĂ€fte und Fabriken. DarĂŒber hinaus wurden ertragsreiche Erdölfelder vor allem in der Umgebung von Ballsh und Patos erschlossen, riesige Wasserkraftwerke errichtet sowie Weinanbaugebiete, großflĂ€chige Oliven-, Zitronen- und Orangenbaumplantagen angelegt. Neue und höchst fruchtbare landwirtschaftliche FlĂ€chen wurden durch Trockenlegung von Sumpfgebieten gewonnen, beispielsweise der Myzeqe-Ebene. Der Bildungsstand konnte enorm erhoben werden, 1957 entstand in Tirana die erste UniversitĂ€t. Die Gleichberechtigung der Frau stellte in dem einst ĂŒberwiegend muslimisch und albanisch-orthodox geprĂ€gten Land einen gewaltigen Fortschritt dar. Viele Ämter waren mit weiblichen Parteimitgliedern besetzt.cite-ref-104[104]

Als Folge der von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow ab 1956 eingeleiteten Entstalinisierung kĂŒhlten sich die albanisch-sowjetischen Beziehungen schrittweise ab. Die Reformen waren mit den marxistisch-leninistischen GrundsĂ€tzen des albanischen Staatschefs Enver Hoxha zunehmend nicht mehr vereinbar. Nachdem Chruschtschow von der albanischen FĂŒhrung die Überlassung von MilitĂ€rstĂŒtzpunkten an der MittelmeerkĂŒste forderte und von der albanischen Wirtschaft verlangte, kĂŒnftig nur noch Orangen und Rohstoffe zu exportieren, wertete Enver Hoxha dies als eindeutigen Versuch der Russen, das Land in eine koloniale AbhĂ€ngigkeit zu bringen. Mit dieser Aussage kritisierte Hoxha im November 1960 bei einem Besuch in Moskau in Anwesenheit der anderen Ostblockstaatenvertreter offen den sowjetischen Kurs. Genauso wie Mao Zedong bezeichnete er die Politik der UdSSR als „roten Imperialismus“ und als Gefahr fĂŒr den Weltfrieden. Dies fĂŒhrte im Jahr 1961 zum Abbruch sĂ€mtlicher Beziehungen zur UdSSR.cite-ref-105[105]

Die sowjetische Seite berief als erste am 25. November 1961 ihren Botschafter aus Tirana ab und ĂŒberreichte am 3. Dezember 1961 dem albanischen GeschĂ€ftstrĂ€ger in Moskau eine Verbalnote ĂŒber den Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Darin wurde unter anderem aufgefĂŒhrt, dass die albanische Botschaft in Moskau antisowjetisches Material verteilt habe. In ihrer Antwortnote wies die Regierung der Volksrepublik Albanien am 9. Dezember 1961 die Behauptung als schĂ€ndliche sowie provokatorische Beleidigung zurĂŒck und bestĂ€tigte damit die Beendigung der diplomatischen Beziehungen.cite-ref-106[106]

Neuer und einziger VerbĂŒndeter wurde die Volksrepublik China. Mao Zedong erklĂ€rte sich bereit, den gesamten Wegfall der sowjetischen Übereinkommen zu kompensieren. Damit wurde die Volksrepublik China der einzige Abnehmer albanischer Produkte, respektive Albanien völlig abhĂ€ngig von der Volksrepublik China. Auf dieser Basis trat Albanien im Jahr 1968 aus dem RGW sowie dem Warschauer Pakt aus und erklĂ€rte sich zum „ersten atheistischen Staat der Welt“. Das neue BĂŒndnis konnte jedoch die ausgefallenen Handelsbeziehungen nicht kompensieren. Es fehlte an Technik sowie an Ersatzteilen der ĂŒberwiegend russischen Maschinen, wodurch der Verfall der Industrialisierung einsetzte. Die AnnĂ€herungsversuche Mao Zedongs an die Vereinigten Staaten im Jahr 1970 markierten den Anfang vom Ende der chinesisch-albanischen Freundschaft. Vollendet wurde der Bruch 1978, nachdem die Volksrepublik China verschiedene Zahlungen vollstĂ€ndig eingestellt hatte. Damit hatte Albanien keinen BĂŒndnis- und Handelspartner mehr.cite-ref-107[107]cite-ref-108[108]

Eine AnnĂ€herung an den Westen war fĂŒr Hoxha undenkbar und eine Wiederaufnahme der Beziehungen mit der UdSSR aufgrund seiner antisowjetischen Äußerungen kaum möglich. Unter diesen UmstĂ€nden wurde die Autarkie als die einzig mögliche Lösung gesehen. Das Land sollte sich nach den Vorstellungen von Enver Hoxha auf die eigenen KrĂ€fte besinnen und auf auslĂ€ndische UnterstĂŒtzung völlig verzichten. Es folgten Jahre des absoluten Alleingangs und der Isolation. Aufgrund des positiven Bevölkerungswachstums und der fehlenden Nahrungsmittelimporte war Albanien ab Beginn der 1980er Jahre mit Ausnahme von Brot kaum noch in der Lage, den Bedarf an Grundnahrungsmitteln ausreichend zu decken. Diese sogenannte Brotgetreideautarkie brachte den Ackerbau bis in die höheren Gebirge. Auch SchĂŒler, Studierende, Lehrer, Professoren, KĂŒnstler und Wissenschaftler wurden in Kampagnen zu mehrwöchigen Aufenthalten in die Albanischen Alpen und die Jablanica zum Wanderfeldbau geschickt.cite-ref-109[109]

Ramiz Alia, der 1985 die Nachfolge des verstorbenen Enver Hoxha antrat, war der Überzeugung, dass die Versorgungsschwierigkeiten innerhalb des Systems bewĂ€ltigt werden können. Er setzte die Autarkiepolitik der Regierungspartei fort und erklĂ€rte 1989 vor dem VIII. Plenum des Zentralkomitees, dass die Partei kein anderes System zulassen werde. Dabei hatte sich die wirtschaftliche Lage mit seiner AmtsĂŒbernahme verschĂ€rft. Um die Probleme zu lösen, entschied sich die ParteifĂŒhrung, innerhalb der Albanischen Staatsbank eine Abteilung fĂŒr Devisenspekulation zu grĂŒnden. Das Startkapital wurde ĂŒber bis heute ungeklĂ€rte Wege von privaten auslĂ€ndischen Kreditgebern beschafft. Die Arbeit der staatlichen Spekulationsabteilung endete in einem Fiasko und beschleunigte den endgĂŒltigen Untergang der Sozialistischen Volksrepublik Albanien.cite-ref-110[110]

Sehr schnell erreichten die Spekulationsverluste MillionenbetrĂ€ge im dreistelligen US-Dollar-Bereich. In einem Akt der Verzweiflung oder des Wahnsinns wurden dann im Herbst 1989 alle verfĂŒgbaren Devisen zusammengenommen und mit dem Gesamtbetrag auf eine Abwertung der Deutschen Mark (DM) gegenĂŒber dem US-Dollar spekuliert. Das war das wirtschaftliche Ende. Denn zu dieser Zeit wurde die DM um 25 % aufgewertet. Damit war die Albanische Staatsbank zahlungsunfĂ€hig. Es konnten keine Löhne mehr gezahlt werden. Die Produktion brach zusammen, vor allem in der Landwirtschaft.cite-ref-111[111]

FĂŒr die Bevölkerung stellte die Autarkie in all den Jahren den Verzicht auf zahlreiche KonsumgĂŒter dar. Die albanische Bevölkerung wuchs von 2.670.000 im Jahr 1980 auf 3.255.000 im Jahr 1990.cite-ref-112[112] Sozioökonomisch könnte diese Entwicklung auf kulturelle Eigenheiten, einen ausgeprĂ€gten Gemeinschaftsgeist, GenĂŒgsamkeit und die FĂ€higkeit zur kollektiven Selbstversorgung zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Diese Aspekte mĂŒssen nicht willentlich, moralisch, politisch, idealistisch oder normativ begrĂŒndet, sondern können auch Ausdruck eines natĂŒrlichen Selbsterhaltungstriebs oder Altruismus sein, der oft durch RĂŒcksicht auf andere gekennzeichnet ist.

Anderseits gewann bei den ersten demokratischen Wahlen im MĂ€rz 1991 die Arbeitspartei Albaniens unter unverĂ€nderter FĂŒhrung von Ramiz Alia ĂŒberwiegend mit den Stimmen der lĂ€ndlichen Bevölkerung. Die Staatspartei hatte vor den Wahlen die landwirtschaftlichen Genossenschaften aufgelöst und jeder Dorffamilie 2000 Quadratmeter Land plus eine Milchkuh oder Ziegen und Schafe geschenkt.cite-ref-113[113]cite-ref-114[114] Vier Monate nach den Wahlen benannte sich die Arbeitspartei Albaniens in Sozialistische Partei Albaniens um. Im 2021 gewĂ€hlten Parlament stellt sie die absolute Mehrheit, wie 1997, 2001, 2009, 2013 und 2017.

SĂŒdafrika

Zwischen den Jahren 1984 und 1994 erhöhten verschiedene Staaten mittels Wirtschaftssanktionen zunehmend den Druck auf die sĂŒdafrikanische Regierung, die Apartheidpolitik zu beenden. Heute steht fest, dass die Sanktionen die politische Transformation nicht auslösten, da SĂŒdafrika relativ autark auf einem vergleichsweise hohen wirtschaftlichen Standard existieren konnte.cite-ref-115[115] Vielmehr wird SĂŒdafrika als ein Beispiel dafĂŒr angesehen, dass Wirtschaftssanktionen praktisch keinen notwendigen Druck fĂŒr grĂ¶ĂŸere politische VerĂ€nderungen hervorrufen und fast immer die Falschen treffen.cite-ref-snfnfp42p-116-0[116]

Im Fall von SĂŒdafrika trug ausschließlich die nicht europĂ€ischstĂ€mmige Bevölkerung die Last der internationalen Embargopolitik. Tausende verloren ihre Arbeit in Berg- und Stahlwerken, da verschiedene LĂ€nder aus SĂŒdafrika keine Steinkohle, Erze, Stahl- und Eisenprodukte mehr importierten. Von einem wirtschaftlichen Kollaps war SĂŒdafrika verschiedener Darstellungen zufolge weit entfernt, als die Regierung die Verhandlungen mit der Opposition aufnahm und die Apartheid beendet wurde.cite-ref-117[117]

Die politischen Sanktionen vieler Staaten im Bereich von Kriegswaffen waren wirkungslos, trotzdem arbeitete SĂŒdafrikas Regierung seit 1968 am Aufbau einer eigenen RĂŒstungsindustrie. Das sich dabei entwickelnde Kooperationsnetz zwischen in- und auslĂ€ndischen Firmen reduzierte zwar die AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischen Staaten, erbrachte jedoch bis etwa 1980 nur eine partielle Autarkie auf diesem Sektor. Seit dem Jahr 1977 entwickelte sich parallel zu den inlĂ€ndischen Maßnahmen ein ausgedehntes System zur Umgehung der Sanktionen durch Reimporte aus NATO-LĂ€ndern oder in Form von direkten Beziehungen.cite-ref-118[118] Die zunehmende internationale Isolation SĂŒdafrikas und Dekolonisationsprozesse in LĂ€ndern des sĂŒdlichen Afrikas ließen die Verteidigungsausgaben ansteigen. FĂŒr 1960/61 waren 44 Millionen Rand bereitgestellt, fĂŒr 1964/65 waren es 233 Millionen Rand, 1969/70 waren es 272 Millionen Rand.cite-ref-119[119]

Als Gegenreaktion zur internationalen Sanktionsfront intensivierte man den Ausbau der eigenen regionalen Vormachtstellung in Verbindung mit diplomatischen Initiativen auf dem afrikanischen Kontinent, um hier die Isolation zu durchbrechen. Dabei setzte die Regierung auch auf die Spaltung unter den benachbarten Frontstaaten, was im Falle Mosambiks durch einen Nichtangriffsvertrag teilweise gelang.cite-ref-120[120]cite-ref-121[121]

In Wirklichkeit brachten die Folgen der Rubicon-Rede des StaatsprĂ€sidenten Botha vom 15. August 1985 sowie die vom US-Kongress herbeigefĂŒhrten Boykottmaßnahmen zum RĂŒckzug von US-Konzernen aus SĂŒdafrika transformierende Prozesse in Gang. Margaret Thatcher und Helmut Kohl weigerten sich, mit Maßnahmen auf europĂ€ischer Ebene und nationalen Entscheidungen dem Apartheidsystem eine internationale Politik entgegenzustellen. Innenpolitisch verursachte die Rede von Botha dagegen einen massiven Vertrauensverlust in die Wirtschaft des Landes, erhebliche Kursverluste an der Börse und anhaltende Unruhen mit AusnahmezustĂ€nden. Um die StabilitĂ€t der auf Autarkie ausgerichteten VerhĂ€ltnisse zu halten, setzte die Regierung Botha nun auf weiteren Ausbau von Maßnahmen des „Überwachungsstaates“ in Verbindung mit einem militĂ€risch-geheimdienstlichen Befehlssystem (NSMM) zur tiefgehenden Beeinflussung von Wirtschaft und Zivilgesellschaft.cite-ref-122[122]

Um die infolge der verhĂ€ngten Embargos bestehende Ölknappheit zu umgehen, entstanden zur Zeit der Apartheid unter anderem in Sasolburg und Secunda große CtL-Anlagen, mit denen synthetisches Benzin, Diesel und Öl sowie Grundstoffe fĂŒr die chemische Industrie gewonnen werden konnten. Betreiber dieser Hydrierwerke war die von der staatlichen Industrial Development Corporation gegrĂŒndete Suid-Afrikaanse Steenkool-, Olie- en Gasmaatskappy (Sasol). Die Sasol-Produktionsanlagen entwickelte das Staatsunternehmen mit verschiedenen privaten Projektpartnern.cite-ref-123[123] Auf Basis dieser Werke deckt Sasol bis heute einen großen Teil des sĂŒdafrikanischen Kraftstoffbedarfs.cite-ref-124[124] Außerdem begannen im Jahr 1970 durch das Staatsunternehmen Soekor eine intensive Exploration von Erdgasfeldern im Festlandssockel vor der sĂŒdafrikanischen KĂŒste.cite-ref-125[125]

Die internationalen Konzerne Caltex, Esso und Mobil kontrollierten um 1970 etwa 44 % des sĂŒdafrikanischen Marktes der petrochemischen Produkte. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, um einen eigenen Sektor aufzubauen und die mit auslĂ€ndischem Kapital errichteten Raffinerien zurĂŒckzudrĂ€ngen.cite-ref-126[126] Im Dezember 1983 wurde in der UN-Generalversammlung ein Beschluss ĂŒber umfassende Sanktionsmaßnahmen gegen SĂŒdafrika mit 124 Ja-, 16 Nein-Stimmen und 10 Enthaltungen verabschiedet, worin ein Ölembargo inbegriffen war. Die Vereinten Nationen kritisierten westliche Staaten, besonders die Vereinigten Staaten und Israel, wegen deren inzwischen gewachsener politischer, wirtschaftlicher und militĂ€rischer Zusammenarbeit mit Pretoria.cite-ref-127[127]

Die sĂŒdafrikanische Wirtschaft war in der Lage, die Sanktionen in erheblicher Weise zu kompensieren. Unter landwirtschaftlichen Gesichtspunkten weist das Land aufgrund der guten klimatischen Bedingungen ein riesiges Potenzial auf. Wein, Obst, ZitrusfrĂŒchte, GemĂŒse, Kartoffeln, Mais, Reis, Zucker, Tabak, sĂ€mtliche Getreidesorten, Wolle, große Viehherden – SĂŒdafrika stand mit einer gut entwickelten Landwirtschaft ein vielseitiges Angebot an Nahrungsmitteln zur VerfĂŒgung. Zudem sind in Regionen mit intensiver Landwirtschaft ausgedehnte BewĂ€sserungssysteme angelegt worden, die pro Jahr zwei Ernten ermöglichten.cite-ref-128[128]

Gleichfalls war der Landwirtschaftssektor eng mit den industriellen Wirtschaftszweigen verknĂŒpft. Somit konnte die sĂŒdafrikanische Industrie wichtige fĂŒr die landwirtschaftliche Produktion erforderliche GĂŒter, wie Saatgut, DĂŒnge- und Pflanzenschutzmittel sowie Maschinen, selbst bereitstellen. In der Montanindustrie entwickelte sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein zunehmend unabhĂ€ngiger Maschinenbausektor mit starker Konzentration auf große Bergbau- und Baumaschinen (Bell etc.).cite-ref-129[129] Mit ĂŒber 900 Bergwerken nebst der rohstoffverarbeitenden Schwerindustrie stellt der Montansektor unverĂ€ndert die Grundlage der sĂŒdafrikanischen Wirtschaftskraft dar, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit rund 60 % zu den DeviseneinkĂŒnften beitrĂ€gt. Das Land verfĂŒgt ĂŒber sehr große Vorkommen an Gold, Diamanten, Steinkohle, Chrom, Mangan, Platinmetalle, Uran, Kupfer, Nickel, Titan, Antimon und Vanadium. Hinzu kommen weitere mineralische Rohstoffe, sodass SĂŒdafrika bei vielen BodenschĂ€tzen, mit Ausnahme von Erdöl und Bauxit, eine autarke Position einnehmen kann.cite-ref-130[130]cite-ref-131[131]

Eigene und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte versuchte SĂŒdafrika durch eine Strategie der Kooperation mit afrikanischen LĂ€ndern, vorzugsweise NachbarlĂ€ndern, auszugleichen.cite-ref-132[132]cite-ref-133[133] Eine signifikante Wende der US-amerikanischen Außenpolitik im Rahmen der bisherigen Embargoposition gegenĂŒber SĂŒdafrika trat mit der PrĂ€sidentschaft von Ronald Reagan ein, nachdem sich im Januar 1984 dessen StaatssekretĂ€r fĂŒr Afrikafragen im State Department, Chester Crocker, mit Außenminister Pik Botha in Stellenbosch zusammengetroffen hatte. Nach dieser Zusammenkunft erklĂ€rte US-Außenminister George P. Shultz, dass er in SĂŒdafrika nun einen Wechsel in der Apartheidpolitik zum Positiven erkenne.cite-ref-134[134]

Als wirkungsarm erwies sich das Waffenembargo der Vereinten Nationen gegen SĂŒdafrika. Einerseits erfolgten die einzigen grĂ¶ĂŸeren MilitĂ€reinsĂ€tze der South African Defence Force in den Nachbarstaaten Angola, Mosambik und Simbabwe, wobei sie auch vom Territorium des besetzten SĂŒdwestafrika (Namibia) aus operierten. Andererseits konnte das sĂŒdafrikanische Verteidigungsministerium Mitte der 1980er Jahre offiziell vermelden, dass SĂŒdafrika auch in diesem Bereich autark sei, da allein schon beispielsweise von Armscor 141 selbst entwickelte Munitionsarten im Land produziert werden konnten.cite-ref-135[135] Überdies stellte SĂŒdafrika Atomwaffen wĂ€hrend der Embargozeit mit vorheriger auslĂ€ndischer UnterstĂŒtzung her.cite-ref-136[136]cite-ref-137[137]cite-ref-138[138]

In der Nachbetrachtung zeigten unter anderem das Hamburg Institute of International Economics und der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in umfangreichen Studien auf, dass bei den Sanktionen gegen SĂŒdafrika politische GrĂŒnde bei nicht wenigen LĂ€ndern eher eine untergeordnete Rolle spielten. Das Wirtschaftsembargo war in erkennbarem Maße von unterschiedlichen Eigeninteressen der sanktionierenden LĂ€nder bestimmt. Mehrere Staaten hofften, durch Sanktionen einen wettbewerbsfĂ€higen Konkurrenten beiseite drĂ€ngen zu können und SĂŒdafrika als Lieferant mineralischer Rohstoffe oder von agrarischen Erzeugnissen zu neutralisieren.cite-ref-hamburgisches-welt-wirtschafts-archiv-139-0[139]cite-ref-snfnfp42p-116-1[116]

Das Beispiel SĂŒdafrika demonstriert somit deutlich nicht nur die Folgen von Sanktionen, sondern auch ihre beschrĂ€nkte politische Wirksamkeit. Die internationalen Sanktionen stĂ€rkten das Bestreben nach Autarkie und die Wirtschaftssanktionen lösten die politische Transformation nicht aus.cite-ref-snfnfp42p-116-2[116]

Insgesamt haben die Sanktionen eine in SĂŒdafrika weit verbreitete wirtschaftspolitische Tradition verfestigt, sich nur selektiv in die Weltwirtschaft zu integrieren.cite-ref-hamburgisches-welt-wirtschafts-archiv-139-1[139] Um nicht nur SĂŒdafrika, sondern ganz Afrika aus der Wirtschaftsmisere herauszufĂŒhren, empfahl unter anderem der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Themba Sono vom sĂŒdafrikanischen Thinktank Free Market Foundation in Johannesburg: „Wir mĂŒssen mit einfachen, beinahe biblischen GrundsĂ€tzen anfangen. Wir mĂŒssen Autarkie entwickeln.“cite-ref-140[140]

Nordkorea

In Nordkorea spielt die ideologische UnabhĂ€ngigkeit fĂŒr Politik, Wirtschaft und MilitĂ€r eine hermeneutische Rolle und hat daher einen ĂŒbergeordneten Stellenwert. Grundlage dieser Ideologie ist die vom ersten PrĂ€sidenten Nordkoreas, Kim Il-sung, entwickelte Chuch’e („Dschutsche“). Darin wird unter anderem die wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit als materielle Basis angesehen. Die Betonung dabei liegt auf der Schwerindustrie, die als RĂŒckgrat einer unabhĂ€ngigen Wirtschaft angesehen wird. Diese nationale Autonomie ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem Autarkiezustand, wie dies oftmals in der Literatur zu finden ist. Es wird zwar dem sozialistischen Aufbau der Nation PrioritĂ€t eingerĂ€umt. Dabei soll aber der Handel gemĂ€ĂŸ der Chuch’e eben nicht vernachlĂ€ssigt werden.cite-ref-141[141]

TatsĂ€chlich war Kim Il-sung nach der GrĂŒndung Nordkoreas bestrebt, die Beziehungen zu anderen Staaten zu diversifizieren, weswegen sein Land 1949 die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen beantragte. Die Aufnahme scheiterte am Veto der Vereinigten Staaten. Zeitgleich verhĂ€ngte die US-Regierung ein Wirtschaftsembargo gegenĂŒber Nordkorea, dem sich nahezu alle westlichen Staaten anschlossen. Es gibt die Diskussion, ob die nordkoreanische FĂŒhrung eine gezielte oder aufgezwungene Autarkiepolitik betreibt. Nordkorea war eines der ersten LĂ€nder, das 1949 diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zur DDR aufnahm. Zudem hatte Nordkorea einen Assoziierungsvertrag mit dem RGW. Wirtschaftlich nahm beispielsweise die Deutsche Arbeitsgruppe HamhĆ­ng die wichtigste Rolle beim Wiederaufbau der Hafenstadt HamhĆ­ng ein, die im Koreakrieg zu 80 % zerstört worden war. In Ostberlin existierten sogar PlĂ€ne fĂŒr Urlaubsreisen der DDR-Bevölkerung nach Nordkorea.cite-ref-ag-friedensforschung-142-0[142]

Allerdings waren die Beziehungen der DDR zu Nordkorea von dem Wohlwollen der Regierung in Moskau und den stĂ€ndigen Schwankungen im sowjetisch-nordkoreanischen VerhĂ€ltnis gekennzeichnet. Als einziges kapitalistisches Land pflegte damals Burma Handelsbeziehungen zu Nordkorea. Nordkorea vermied es, sowohl von der Volksrepublik China als auch der Sowjetunion abhĂ€ngig zu werden. Über die beiden direkten Nachbarn hinaus etablierte Nordkorea umfassende Beziehungen zu Vietnam, Kambodscha und zur Mongolei. Allgemein favorisierte die FĂŒhrung in Pjöngjang, anstelle langfristiger VertrĂ€ge, auf kurze Zeit angelegte ökonomische Abkommen, die in Devisen bezahlt wurden, auch seitens Nordkoreas.cite-ref-ag-friedensforschung-142-1[142]

Durch den Zusammenbruch des Ostblocks kam Nordkoreas Außenhandel Anfang der 1990er Jahre nahezu völlig zum Erliegen. Der Import billigen Erdöls, von Ersatzteilen fĂŒr Maschinen, KunstdĂŒnger und Nahrungsmitteln aus der Sowjetunion – beziehungsweise deren Nachfolgestaaten – riss fast gĂ€nzlich ab. Im Januar 1995 verabschiedeten sich die Vereinigten Staaten teilweise vom Wirtschaftsembargo und schlossen mit Nordkorea einen Handelsvertrag, unter anderem ĂŒber Öllieferungen. Auch andere LĂ€nder der westlichen Staatengemeinschaft nahmen daraufhin partielle Handelsbeziehungen auf.cite-ref-143[143]

Ab dem Jahr 2000 zeichneten sich im Rahmen der sogenannten Sonnenscheinpolitik Entspannungserfolge zwischen Nord- und SĂŒdkorea ab. Mit zeitweisen Unterbrechungen produzieren sĂŒdkoreanische Unternehmen seit 2003 in der nordkoreanischen Industrieregion KaesƏng auf Grundlage von Zollfreiheit und freiem Handel. Im Zuge der Nordkorea-Krise 2013 verschlechterten sich die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, in deren Folge die Sanktionen, auch seitens EU, deutlich ausgeweitet und im Februar 2018 nochmals verschĂ€rft wurden. Seitdem bestehen gegen Nordkorea unterschiedliche gĂŒter- und dienstleistungsbezogene BeschrĂ€nkungen, die sowohl den Verkauf, die Lieferung, die Weitergabe oder die Ausfuhr nach Nordkorea als auch die Einfuhr, den Erwerb und die Weitergabe von GĂŒtern aus Nordkorea verbieten.cite-ref-144[144]

Die Gratwanderung zwischen Machterhalt und Gesichtsverlust vollzieht der nordkoreanische Staat, indem er sein Handeln weiterhin an seinem staatstragenden Prinzip des Strebens nach Autarkie ausrichtet. Das heißt konkret, dass sein Krisenmanagement einerseits auf die StĂ€rkung der nationalen Lebensmittelproduktion zielt.cite-ref-145[145] Andererseits scheint das Land seinen wirtschaftlichen Tiefpunkt durch eine StĂ€rkung seines Binnenmarktes (Ausbau der Infrastruktur, viele kleine und große Bauprojekte, Zulassung privater HĂ€ndler und Kleinunternehmer etc.) im letzten Jahrzehnt ĂŒberwunden zu haben, da Nordkoreas Wirtschaft, SchĂ€tzungen westlicher Beobachter zufolge, seit 2010 um jĂ€hrlich 3 % wĂ€chst.cite-ref-146[146]

Autarke Privathaushalte

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts findet zunehmend die Bezeichnung „autarke Haushalte“ Verwendung – allerdings mit unterschiedlichen Bedeutungen. Allgemein gilt ein Leben und Bauen „off-the-grid“ vor allem als ein Zukunftsthema und fĂŒr manche Menschen als ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Bei einem autarken Haus heißt das, unabhĂ€ngig vom örtlichen Strom-, Wasser- und WĂ€rmenetz zu leben und somit vollkommen selbstversorgend zu sein. In Deutschland gestaltet sich eine komplett selbstĂ€ndige Versorgung relativ schwierig, da beispielsweise bereits aus baurechtlichen GrĂŒnden meist ein Anschluss an die örtliche Kanalisation vorhanden sein muss und ebenso ein Anschluss an die Strom- und Wasserversorgung. Der Grund dafĂŒr ist, dass auf Basis der Hygienevorschriften grundsĂ€tzlich eine Senkgrube als Kanalisationsersatz unzulĂ€ssig ist und das Gesundheitsamt die Verwendung von Regen- oder nicht regelmĂ€ĂŸig kontrolliertem Brunnenwasser als Trinkwasser untersagt.cite-ref-147[147]

Im Bereich des alternativen und nachhaltigen Bauens gibt es einige Wohnkonzepte, die autarke Versorgung in ihr Konzept von vornherein mit einschließen. In der Praxis erhielten jedoch die wenigsten dieser Projekte bislang ĂŒberhaupt Baugenehmigungen. Trotz dieser BeschrĂ€nkungen ist es aber möglich, ein weitgehend autarkes Haus zu bauen, das ohne externe Stromversorgung auskommt. Hier bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten der Energieautarkie an, zum Beispiel Photovoltaikanlagen, Solar, WindrĂ€der oder -turbinen, Blockheizkraftwerke.cite-ref-148[148]

Ein wirklich autarkes Leben bedingt ein außergewöhnliches Maß an Idealismus, um die damit verbundenen EinschrĂ€nkungen aufzuwiegen. Es bedeutet einen kompletten Umbau des eigenen Lebensstils und die vollkommene Selbstverantwortung. Personen, die sich dafĂŒr entscheiden, mĂŒssen viele GegenstĂ€nde selbst bauen und vor allem Lebensmittel in einem eigenen Garten oder auf einem Feld selbst herstellen können. Die Produktion von Nahrungsmitteln erfordert eventuell Tierhaltung, gegebenenfalls Kenntnisse in der Milchproduktion und -verarbeitung, Vorratsbeschaffung von Nahrung fĂŒr den Winter, Sachverstand ĂŒber Fruchtwechsel sowie Obst- und GemĂŒsesorten etc. Im Grunde genommen entsprĂ€che eine komplett autarke Lebensweise einer RĂŒckkehr zu einem Leben, das Bauern vor dem Jahr 1850 fĂŒhrten, womit die technischen und gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten 170 Jahre obsolet wĂ€ren.cite-ref-149[149]cite-ref-150[150]cite-ref-151[151]

Literatur

‱ Kurt Pentzlin: Die Grenzen der Reinen Wirtschaftstheorie, untersucht am Problem der wirtschaftlichen Autarkie. Dissertation. UniversitĂ€t Kiel, 1928.
‱ Herbert von Beckerath: Autarkie oder internationale Zusammenarbeit? S. Fischer Verlag, 1932.
‱ Volkmar Muthesius: Europas Autarkie. German Information Service, 1940.
‱ JĂŒrg Niehans: Der Gedanke der Autarkie im Merkantilismus von einst und im Neomerkantilismus von gestern. Girsberger Verlag, ZĂŒrich 1945.
‱ Friedrich Tomberg: Polis und Nationalstaat. Luchterhand Literaturverlag, 1973.
‱ Johan Galtung: Self-reliance. Minerva-Verlag, 1983.
‱ Markus Huppenbauer: Autarkie und Anpassung. Zur Spannung zwischen Selbstbestimmung und Umwelterhaltung. Springer-Verlag, 2013.

Weblinks

Wiktionary: Autarkie

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Literatur von und ĂŒber Autarkie im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Etymologie Autarkieautark. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 2. August 2019.
cite-note-22. ↑ Franz Passow: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Friedrich Christian Wilhelm Vogel, Leipzig 1841, S. 443.
cite-note-33. ↑ Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. De Gruyter, 2001, S. 77 (bearbeitet von Elmar Seebold).
cite-note-44. ↑ Autarkie. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, abgerufen am 30. Juli 2019.
cite-note-55. ↑ Simon Varga: Vom erstrebenswertesten Leben. Aristoteles‘ Philosophie der Muße. De Gruyter, 2014, S. 59.
cite-note-66. ↑ Wortschatz autark. UniversitĂ€t Leipzig, abgerufen am 30. Juli 2019.
cite-note-77. ↑ Simon Varga: Vom erstrebenswertesten Leben. Aristoteles‘ Philosophie der Muße. De Gruyter, 2014, S. 58–59.
cite-note-88. ↑ Jan Kruse: Geschichte der Arbeit und Arbeit als Geschichte. LIT Verlag, MĂŒnster 2002, S. 84.
cite-note-99. ↑ Sung-Chul Rhim: Die Struktur des idealen Staates in Platons Politeia. Königshausen & Neumann, 2005, S. 136.
cite-note-1010. ↑ Hans DelbrĂŒck: Das Mittelalter. Teil 2. Berlin 1929, S. 5 (bearbeitet von Konrad Molinski, Neuauflage: Books on Demand 2011).
cite-note-1111. ↑ Hans-Werner Goetz: Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. C. H. Beck, 1994, S. 72.
cite-note-1212. ↑ Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 2003.
cite-note-1313. ↑ Gerhard Streminger: Adam Smith. Wohlstand und Moral. C. H. Beck, 2017, S. 99–100.
cite-note-1414. ↑ Roy Bin Wong: China Transformed. Historical Change and the Limits of European Experience. Cornell University Press, 1997, S. 22–23.
cite-note-1515. ↑ Simon Varga: Vom erstrebenswertesten Leben. Aristoteles‘ Philosophie der Muße. De Gruyter, 2014, S. 59 (Fußnote 2).
cite-note-1616. ↑ Peter Wende: Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs. C. H. Beck, 2012, S. 217–218.
cite-note-1717. ↑ Axelrod Alan: Gandhi – der CEO. 14 zeitlose GrundsĂ€tze als Leitfaden fĂŒr die Entscheider von heute. FinanzBuch Verlag, 2011, S. 173.
cite-note-1818. ↑ Markus BĂ€uchle: Irland. Ein LĂ€nderportrĂ€t. Ch. Links Verlag, 2015, S. 45.
cite-note-1919. ↑ Die Briten trĂ€umen wieder vom Empire. In: Wirtschaftswoche. 7. Juni 2017, abgerufen am 5. August 2019.
cite-note-2020. ↑ Der illusorische Traum vom neuen Empire. In: Zeit Online. 24. April 2018, abgerufen am 5. August 2019.
cite-note-2121. ↑ America-First-Politik. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Abgerufen am 5. August 2019.
cite-note-2222. ↑ Welthandel: Am Abgrund. In: SĂŒddeutsche Zeitung. 17. Juni 2018, abgerufen am 5. August 2019.
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